Der erste schöne Frühlingstag in Shanghai neigt sich dem Ende zu, und Sulamith und ich liegen im Bett in Julias und Jérômes Arbeitszimmer, und versuchen den heutigen Tag auf's Tagebuch-Papier bzw. in den Handy-Speicher zu bannen. OK: Was haben wir heute alles erlebt?
Der Tag begann schonmal glorreich mit langem Ausschlafen und einem entspannten ausgiebigen Frühstück auf der Terrasse. Die Wohnung der beiden liegt in einem alten dreistöckigen Wohnhaus neben einem kleinen Innenhof. Im Erdgeschoss und der ersten Etage wohnt eine chinesische Alten-WG, darüber liegt die Wohnung der beiden. Küche und Terrasse sind von Rest der Wohnung jeweils durch eine Treppe getrennt. Alles ist warm und gemütlich eingerichtet - Julias guter Geschmack ist an allen Ecken und Enden spürbar.
Sulamith und ich hausen im Arbeitszimmer auf der großen Couch, die sich in ein noch größeres Bett verwandeln lässt. Vor dem Fenster rauscht der Verkehr vorbei, doch auf der zum Innenhof zeigenden Terrasse ist davon nichts zu hören: Hier stehen, neben Grill, Tisch und Stühlen, die Waschmaschine und die Schaufensterpuppe Cindy. Jedes Mal, wenn man die Terrasse betritt und Cindy erblickt, packt einen der Drang unwillkürlich zusammenzuzucken und/oder sie freundlich zu grüßen.
Auf jener Terrasse also nahmen wir unser erstes chinesisches Frühstück ein, mit Laugengebäck, Leberkäse und einer riesigen Pomelo (wer nicht weiß, was das ist, möge bitte bei Wikipedia nachschlagen - ich musste es auch...). Die Temperaturen lagen bei schnuckeligen 25 Grad, ein milder Wind strich über die Terrasse und gab die höchst überzeugende Impression, wie befänden uns im Urlaub. Herrlich!
Um 11 Uhr machten wir uns auf den Weg in die Stadt: zunächst ging es zur Bank, weil Julia und Jérôme eine Überweisung tätigen mussten. Was in China schon ein echtes Erlebnis ist, wenn man die Schriftzeichen nicht beherrscht. Anschließend mussten wir zur Polizei, um uns als temporäre Untermieter der beiden zu melden. Was deutlich spannender klingt als es war: Eine total gelangweilte Polizistin brauchte etwa 20 Minuten, um die Daten aus unseren Pässen abzutippen. Aber egal, das Wichtigste war geschafft: Wir hatten nun frei, um die Stadt zu erkunden!
Mit der Metro (für die ich sinnigerweise ein neues Ticket kaufen musste, weil mir meine Dauerkarte auf der Terrasse aus der Tasche gefallen war) ging es zunächst zum Jing'An-Tempel, der irgendwo verloren inmitten unzähliger Hochhäuser herumlungerte. Sulamith und ich warfen beide eine Münze in den zentralen Opferturm (was Glück bringen soll - zumindest wenn man nicht wie wir zwei Versuche braucht), besuchten die riesige Buddha-Statue und streiften durch das Tempel-Gebäude, das lustigerweise noch bis 1983 als Plastik-Fabrik missbraucht wurde...
Bei unserer anschließenden Wanderung Richtung French Concession entwickelte sich ein bedrohliches Hunger-Gefühl, das akut bekämpft werden musste. Hierzu fand sich nach einigem Suchen ein gemütliches Restaurant mit Dachterrasse, wo wir es uns für lockere zwei Stunden bei Getränken und leckerem Essen in der Sonne gut gehen ließen.
Als die Sonne hinter den Wolkenkratzern zu versinken begann, machten wir uns auf den Weg zurück zur Wuyi Road (sprich: nach Hause), wo wir den Nachmittag gemütlich auf der Couch quatschend ausklingen ließen.
Abends kam noch eine französische Freundin von Julia und Jérôme vorbei, bevor wir mit einem einem deutschen und einem chinesischen Bekannten der beiden kantonesisch Essen gegangen sind.
Nach zwei Tagen chinesischem Essen gibt es das folgende Zwischenfazit: 1. Ich habe fast alles probiert, 2. Es war fast alles einigermaßen essbar (auch wenn ich noch nicht so richtig begeistert war), und 3. Es ist möglich mit Stäbchen essend einigermaßen satt zu werden. Aber es ist verdammt anstrengend, und ich habe einen Kampf in den Fingern...
Morgen ist unser erster selbständiger Tag in Shanghai! Julia und Jérôme müssen arbeiten, und wir sind mit Geld, Fahrkarten, einem Stadtplan, einem Notfall-Handy und einem Bild unserer Adresse (um es einem Taxi-Fahrer zeigen zu können) so gut ausgestattet wie möglich. Shanghai - mach Dich auf Einiges gefasst!
Sonntag, 29. März 2015
Tag 3. Erster kompletter Shanghai-Tag
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