Um eines vorweg zu sagen: Der Tag auf der Mauer hat Spuren hinterlassen! Als wir wieder zu Hause in unserem Hutong waren, waren wir, wie beschrieben, ausgesprochen erledigt. Und daher schworen wir uns, unseren letzten ganzen Tag in Beijing entspannter angehen zu lassen.
Normalerweise wird empfohlen, sich möglichst früh auf den Weg zur Verbotenen Stadt zu machen, um die riesigen Menschenmassen zu vermeiden. Das hätte aber auch ein frühes Aufstehen erfordert, und diesen Preis waren wir nach dem gestrigen Morgen nicht bereit zu zahlen. Also schliefen wir gründlich aus, frühstückten unsere verbliebenen Obst- und Joghurt-Vorräte, und machten uns gegen zehn auf den Weg zur Metro.
Nun muss man zusätzlich einiges wissen: Beijing ist eine große Stadt! Schon das Erreichen der nächsten U-Bahn-Station dauert mindestens zwanzig Minuten. Um zum Kaiserpalast zu kommen, muss man zudem noch zweimal umsteigen, und sich beim Umsteigen stets noch einige hundert Meter durch die endlosen Metro-Gänge schieben. Inklusive Sicherheitskontrollen, Ticket-Kontrolle, Wartezeiten auf die nächste Bahn, ist man so locker vierzig Minuten unterwegs. Und da wir beide tierischen Muskelkater vom Erklimmen der Mauer hatten, konnten wir uns auf Treppen auch nur seeehr langsam fortbewegen. Sprich: Es war schon weit nach Elf, als wir am Platz vor dem Zugangstor ankamen.
Eine andere wichtige Information, die man wissen muss, um das folgende Chaos zu verstehen, ist, dass am Montag ein chinesischer Feiertag ist, und so sich gefühlt halb China ein schönes langes Wochenende in der Hauptstadt gönnen möchte. Als wir also aus der Metro auf den Platz traten, hatten wir das Gefühl, dass nicht ein oder zwei chinesische Touristen hier waren, sondern ALLE! Chinesen, so weit das Auge reicht, viele Tausende, vermutlich viele Zehntausende, oder gar Hunderttausende, und alle wollten sie da hin, wo wir auch hinwollten: In den Palast!
Glücklicherweise hatten die alten Kaiser der Ming-Dynastie vor 600 Jahren das wohl schon kommen sehen, und hatten den Palast recht - wie soll ich sagen - großzügig angelegt: Der Bau ist riesig! Hinter dem prachtvollen Eingangsportal mit dem Mao-Porträt, liegt ein gewaltiger Innenhof, in dem sich ganze Armeen sammeln könnten. Und das taten sie heute auch: Ganze Armeen von Touristen!
Hat man den ersten Innenhof durchquert, gelangt man in den zweiten, mindestens ebenso großen, und dieser war fast komplett gefüllt mit Menschen in Ticket-Schalter-Schlangen. Tausende und Abertausende von Touris standen an, um die 60¥ Eintritt zahlen zu dürfen. Und das mussten wir natürlich auch. Dank der guten chinesischen Organisation und der gesitteten Touristen ging der Kartenkauf aber erfreulich schnell über die Bühne, und so hielten wir knapp eine halbe Stunde später unsere Eintrittskarte in den glücklichen Händen.
Weiter in den dritten und letzten Vorhof, und von da an weiter in den eigentlichen Palast. Und dann den der Kaiserin. Und dann noch einen dritten. Oder vierten? Irgendwann verliert man den Überblick. Fest steht nur: Die Anlage ist eindrucksvoll. Die eigentlichen Wohngebäude sind erstaunlich klein. Die Menschenmassen machen einem eine detaillierte Erkundung der Anlage schwer. Und man sollte (wenn man nicht das Glück hat, wie der Kaiser in Sänften getragen zu werden) gut zu Fuß sein. Was wir nach der Mauer-Tour definitiv nicht mehr waren.
Nach über zweieinhalb Stunden des Schiebens, Laufens, Fotografierens und Staunens, hatten wir die Schnauze voll. Nichts wie raus hier! Durch das nördliche Tor gelangen wir wieder an die Straße zwischen Palast und Kohlenhügel, die wie schon von unserem Spaziergang am ersten Abend kannten. Nur war sie diesmal unendlich voller. Taxis, Touris, Busse, Fahrräder, Motorroller, Händler - die ruhige Straße von vorgestern war nicht wiederzuerkennen. Schnell weg von hier!
Auf den nahegelegenen Beihai-Park mit der weißen Pagode hatten wir keine große Lust mehr, weil es dort auch sehr voll zu sein schien (die Massen strömten vom Kaiserpalast direkt dorthin), und so beschlossen wir, uns auf den Weg zum Himmelstempel zu machen.
Den Bus zum Tempel konnten wir nicht finden, ein freies Taxi gab es ebenso wenig, und so mussten wir uns wohl oder übel zu Fuß auf den Weg zurück zur Metro machen. Wieder vorbei am gesamten Kaiserpalast!
Unendlich lang kam uns die Straße vor. Es half auch nicht viel, dass wir uns zwischendurch erst mit ein paar Fleisch-Spießen, und dann mit Würstchen in Teig-und-Salat-Wrapping zu stärken versuchten. Die Straße wurde und wurde einfach nicht kürzer! Über eine Stunde (gefühlt: mindestens zehn!) schlurften wir an der Scheiß-Palastmauer entlang, ständig davon träumend, endlich in diesem Scheiß-Park mit dem Scheiß-Himmelstempel zu kommen.
Und so schafften wir es irgendwann auch: Metro-Station, Sicherheitskontrolle, Warten Bahnfahren, Umsteigen, Warten, Bahnfahren, Treppen zum Ausgang, zum Parkeingang, Schlange stehen, Eintrittskarten kaufen, Ticketkontrolle...
Um vier Uhr waren wir endlich in diesem Park, suchten uns die erste Mauer, auf die man sich setzen konnte, und fielen dort in einen seligen entspannten Dämmerzustand. Himmlisch! Die schönsten 20 Minuten des Tages! Schön, dass man so etwas Schnödes wie eine kniehohe Gartenmauer wieder derartig zu schätzen lernt...
Doch irgendwann mussten wir uns leider wieder erheben, denn so ein Park hat hier auch nicht ewig auf. Also die müden Knochen erhoben und Richtung Himmelstempel gestapft. Die Treppen raufgekraxelt, zusammen mit anderen Tausend Gleichgesinnten. Oben den Himmelstempel bestaunt. Toll! Ein paar Fotos gemacht. Und dann schnell wieder weg. Unser Pensum an kulturell wertvollen Sightseeing haben wir in den letzten Tagen definitiv hinter uns gebracht!
Viel spannender als der Tempel waren die Menschen im Park! Überall saßen Rentner und spielten ein mir unbekanntes Kartenspiel (mit französischem Blatt!), oder eine mir unbekannte Schach-Variante. Chöre sangen chinesische Volksweisen, Kinder ließen Drachen steigen, überall entspannte und glückliche Gesichter. Sooo hätten wir unseren Tag verbringen sollen!
Aber wir waren geschafft, erledigt, fertig, am Ende. Und hatten noch einen langen Heimweg vor uns. Es war schon sieben, als wir endlich wieder unser Hutong erreichen. Noch ein paar Lebensmittel gekauft, und dann für eine Stunde auf's Bett legen. Der Tag hatte seine Spuren hinterlassen!
Aber noch hatten wir nichts Richtiges gegessen, und in unserem Hutong gab es einige kleine Restaurants, die wir noch nicht ausprobiert hatten, und so gingen wir in eines davon. Die Bestellung mit Händen und Füßen geht mittlerweile recht gut, auch die Berührungsangst vor dem unbekannten Essen ist weitgehend überwunden. Und so bestellten Sulamith und ich uns jeweils ein Gericht, und zusätzlich noch eine Portion Reis mit Ei als Sättigungsbeilage. Wobei dieser Begriff hier durchaus wörtlich zu nehmen ist: Die Portionen waren riesig! Jedes einzelne der drei Gerichte wäre genug gewesen, um uns beide mehr als satt zu machen. So aber kämpften wir tapfer gegen die riesigen Essensberge an. Überraschenderweise waren die Gemüse schmackhafter als das Fleisch, und mittlerweile sind wir auch einigermaßen gut im Essen mit Stäbchen. Alles in allem: Es war super lecker, super viel und eine super Erfahrung. Und super günstig: für unter zehn Euro waren wir beide so vollgestopft, dass wir kämpfen mussten, es drinnen zu halten.
Das also war unser letzter Tag in Beijing. Morgen Nachmittag geht es wieder zurück nach Shanghai. Wir werden Julia und Jérôme viel zu erzählen haben. Sind aber auch froh, die Hauptstadt hinter uns zu lassen. Denn die Tage hier waren echt anstrengend! Anstrengend schön!
Samstag, 4. April 2015
Tag 9: Verbotene Stadt
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