Dienstag, 7. April 2015

Tag 12: Wasserstadt

In Ermangelung besserer Pläne, beschlossen wir heute den letzten Punkt auf Sulamiths interner To-Do-Liste abzuhaken: Den Besuch einer Wasserstadt. Es gibt mehrere solcher kleinen, an Kanälen gelegenen Vorstädte vor Shanghai, und Sulamith und ich beschlossen, die Fahrt dorthin mit dem regulären Linienbus zu wagen. Eine kurze Internet-Recherche offenbarte, dass es angeblich einen Linienbus nach Zhujiajio gibt, der direkt vom Platz des Volkes abfährt. Gemäß der Straßenangaben sollte es sich um die Bushaltestelle direkt vorm Shanghai Museum handeln, die wir ja seit unserem gestrigen Besuch schon kannten.
Also nach dem Frühstück auf den Weg gemacht, zu Fuß zum Zhongshan Park, dann mit Linie 2 zum People's Square. Die Route kennen wir ja mittlerweile zu Genüge! Es war leicht am regnen, aber laut Julias Handy sollte es noch bis drei Uhr einigermaßen trocken bleiben. Bis dahin wollten wir schon wieder auf dem Rückweg sein.
Am Shanghai Museum angekommen, stellte sich mal wieder heraus, dass es echt schwer ist, sich ohne Schrift-Kenntnisse in einem fremden Land zurechtzufinden: Wir fanden zwar jede Menge Bushaltestellen, hatten jedoch keine Ahnung wo die Busse hinfuhren. Pinyin-Übersetzungen der chinesischen Zeichen suchte man vergeblich. Also versuchten wir mit Hilfe von Sulamiths Reiseführer und des Google-Übersetzers auf meinen Handy, die Schriftzeichen für Zhujiajiao herauszufinden. Falls es jemanden interessiert: 朱家角. Wir fragten einen herumstehenden Familienvater nach Zhujiajiao, und bekamen eine sehr freundliche, lange und detaillierte Antwort. Leider auf chinesisch! Ich werde wohl nie erfahren, ob der Mann "Tut mir leid, ich bin nicht von hier", " Ja, der Bus fährt von dahinten" oder "Fahrt das bloß nicht hin, Zhujiajiao ist scheisse!" gesagt hat...
Also der nächste Versuch, diesmal an der zweiten, größeren Haltestelle. Hier gab es einem offiziellen Bediensteten, der uns direkt nach dem Zeigen der Zeichen auf dem Handy freundlich auf die andere Straßenseite verwies, die man natürlich nur über komplizierte Fußgänger-Brücken (und einen kurzen Pinkel-Ausflug über die Kunden-Toiletten von Marks&Spencer) erreichen konnte.
Am anderen Busbahnhof angekommen, verwies man uns direkt auf einen bereitstehenden Bus. Auf dem Fahrplan tauchte tatsächlich das Wort Zhujiajiao auf, es könnte also tatsächlich der richtige Bus sein. Nach zehn Minuten ging die Fahrt los, auf ins Unbekannte! Die mitfahrende Fahrkarten-Verkäuferin verkaufte uns tatsächlich Fahrkarten nach Zhujiajiao, wir waren also richtig. Damit konnten wir uns entspannt zurücklehnen und die Fahrt genießen.
Es regnete mittlerweile stärker, und sah auch nicht so aus, als würde es bald besser werden. Unser Ausflug in die Wasserstadt schien also ein recht feuchter zu werden. Nach einer guten Stunde hielt der Bus auf einem schrömmeligen Busbahnhof irgendwo im Nirgendwo. Wie stiegen mit allen anderen Fahrgästen aus, und der rettende Bus verschwand auf Nimmerwiedersehen! So standen wir also hilflos im Regen auf einem Busbahnhof, der zwar Dutzende Busse, aber keinerlei Fahrpläne hatte. Wir hatten keinerlei Ahnung, von wo der Bus zurück nach Shanghai fahren würde, ja, wir wussten nicht einmal, wie Shanghai im Chinesischen geschrieben wird! (Falls es jemand wissen will: 上海)
Als wäre das alles nicht schon schlimm genug, kam auf einmal ein kleiner Chinese angerannt, grinste mich an und hielt mir seine geballte Faust vor die Nase! Ich versuchte ihn zu ignorieren und weiterzugehen, aber er rannte neben mir her, hielt mir grinsend die Faust ins Gesicht und gab mir damit einen Klapps auf die Schulter.
Dieses Verhalten ließ mehrere Interpretationen zu: 1. Das Erheben der Faust war eine lokale Grußformel, und er wollte uns herzlich in Zhujiajiao willkommen heißen. 2. Wir hatten durch eine falsche Bewegung, unsere Kleidung oder unsere bloße Anwesenheit seinen Unmut geweckt und er forderte uns nun freundlich auf, wir mögen uns doch bitte schleunigst aus seiner Stadt verpissen. 3. Der Typ ist der lokale Dorfdepp und ansonsten harmlos.
Wir entschieden uns für Variante 3!
Nach einem dermaßen guten Start konnte es ja nur besser werden. Sollte man meinen! Wurde es aber nicht! Es regnete wie Sau, wir waren die einzigen Touristen, die blöd genug waren, bei diesem Mistwetter einen Fuß in die Stadt zu setzen, und der historische Stadtkern lag einen Kilometer vom Busbahnhof entfernt. Also stapften wir durch den Regen, immer an der Hauptstraße entlang, denn wir hatten Angst, hier am Arsch der Welt verloren zu gehen, da wir weder einen Stadtplan, noch Sprachkenntnisse oder Handy-Empfang hatten.
Nach zwanzig Minuten im Regen hatten wir die Schnauze voll, und retteten uns in einen Supermarkt, wo wir uns mit Anti-Frust-Nahrung und -Getränken eindeckten. Wir versuchten so lange wie möglich im Trockenen zu bleiben, sahen aber ein, dass wir irgendwann wieder raus in den Regen mussten. Also raus, rüber auf eine Brücke, in der Hoffnung, von dort die ach-so-wunderschöne Altstadt am Wasser zu entdecken. Was wir sahen, waren verfallene Hütten, jede Menge Müll, und Regen, der in Massen auf's Wasser prasselte.
Jetzt reichte es auch Sulamith: Wir waren trotz Regenschirmen durchnässt, es war kalt, die Stadt war scheisse, und wir wollten nur wieder zurück nach Shanghai. Also kehrten wir um und wateten diesmal auf der anderen Straßenseite zurück Richtung Busbahnhof. Mittlerweile waren auch meine Schuhe und Socken komplett nass, und meinem Schnupfen ging es auch nicht gerade besser. Selbst die sonst so unverwüstliche Sulamith sah ziemlich mitgenommen aus. Wir machten noch ein Foto mit dem Stadt-Logo, als Erinnerung daran, dass wir nie wieder einen Fuß in dieses Kaff setzen wollen, und erreichten dann irgendwann den rettenden Busbahnhof.
Der Dorfdepp sah uns schon von Weitem, kam uns entgegengerannt, grinste mich fröhlich an, ballte die Faust vor meiner Nase und gab mir einen freundschaftlichen Klapps auf die Schulter. Surreal!
Und nun geschah das Unglaubliche: Sulamith stieg einfach in den erstbesten Bus, der herumstand, und fragte: "Shanghai?" Der angesprochene Fahrgast nickte, und so einfach hatten wir unseren Bus zurück wiedergefunden! Das war leichter als gedacht!
Die Rückfahrt dauerte mehr als doppelt so lange wie die Hinfahrt, weil mittlerweile der Berufsverkehr eingesetzt hatte. Unser Busfahrer versuchte durch typisch chinesisches wildes Spurwechseln wertvolle Sekunden herauszukitzeln, erreichte dabei aber vermutlich eher das Gegenteil.
Irgendwann erreichten wir wieder den People's Square, und waren froh, damit das unsägliche Kapitel Zhujuajiao abschließen zu können. Unser erster Gang führte dann erstmal wieder zu Marks&Spencer, wo wir erst erneut das Klo benutzten, und dann neue Socken für mich kauften, um die durchnässten wechseln zu können.
Auf dem Rückweg versuchten wir noch ein Post Office zu finden, um Briefmarken für die noch zu schreibenden Postkarten zu kaufen. Leider blieben wir damit erfolglos, was uns aber egal war: wir waren einfach nur froh, endlich wieder zu Hause im Trockenen angekommen zu sein.
Leider war mittlerweile Jérôme nach Hause gekommen, weshalb wir die Wohnung direkt wieder verlassen mussten, um mit dem Taxi zu unserem gemeinsamen Abschiedsessen zu fahren. Heute gab es uigurisches Essen, will sagen: Viel Fleisch! Und noch dazu sehr lecker. Als wir unseren Nachttisch vertilgt hatten, war es schon nach neun, und so konnten wir den Abend gemütlich ausklingen lassen.
Wir verabschiedeten uns von Jérôme, der morgen Abend vermutlich nicht vor unserer Abreise nach Hause kommen wird, und dankten ihm und Julia für die nette Unterbringung. Sie waren die perfekten Gastgeber, und wie können uns nie genug für die schöne Zeit bei Ihnen bedanken.
Übermorgen Nacht, um fünf Minuten nach Mitternacht, geht unser Rückflug ab Shanghai Pudong. Morgen werden wir die Koffer packen, noch ein letztes Mal durch die Stadt streifen, uns von Julia verabschieden, und uns dann abends auf den Weg zum Flughafen machen.
Die Uhr tickt. Bald sind wir schon wieder zu Hause in Deutschland.
Und wehe es regnet!

1 Kommentar:

  1. wir freuen uns auf euch! hoffentlich lasst ihr alle erkältungen drüben und kommt gesund über!

    AntwortenLöschen