Donnerstag, 2. April 2015

Tag 6. Im Garten Yu Yuan

Der heutige Tag stand ganz im Zeichen der Planung der folgenden Tage: Denn ab morgen werden wir Shanghai für einen Kurztrip nach Beijing (vulgo: Peking) und zur 10000-Li-Mauer (vulgo: Chinesische Mauer) verlassen. Hierfür wählt der weise Reisende entweder das Flugzeug oder die Bahn. Wie entschieden uns todesmutig für Letzteres, und mussten daher heute Richtung Bahnhof Shanghai fahren, um Fahrkarten zu organisieren.
Kais Argumentation lautete wie folgt: Wo ein großer nationaler Bahnhof ist, sind viele Reisende. Wo viele Reisende sind, sind viele Touristen. Wo viele Touristen sind, wird viel Englisch gesprochen. Wo viel Englisch gesprochen wird, finden wir uns zurecht. Ergo sollte der Ticketkauf ein Kinderspiel sein!
Sulamiths Skepsis war angebracht, denn leider gab es in der Argumentationskette einen klitzekleinen Fehler: Es gibt zwar viele Touristen am Bahnhof, aber leider stammen die alle aus China!
In der gesamten riesigen Ticket-Schalterhalle, in der es 20 Personenschalter, 20 Automatenschalter und 20000 wartende Reisende gab, gab es exakt zwei englischsprachige Touristen... uns!
Man solle meinen, dass wenigstens die Fahrkarten-Automaten für eine zweisprachige Bedienung ausgelegt sind. Zu unserem Schrecken war dem aber leider nicht so: Wir starrten hilflos auf die ausschließlich chinesische GUI, und mir wurde zum ersten Mal klar wie wichtig das Thema Internationalisierung und Lokalisierung von Software ist. Ich verspreche ab jetzt immer die messages.properties-Datei vernünftig zu pflegen...
Der anschließende Versuch bei der Touristen-Info Hilfe zu erhalten, war ebenfalls ein Fiasko: Niemand dort sprach Englisch. Ich wiederhole: NIEMAND AN DER TOURISTEN-INFORMATION SPRACH ENGLISCH! So langsam wurde mir klar, dass das Flugzeug vielleicht doch die bessere Fortbewegungsmittel-Wahl gewesen wäre...
Als letzter verzweifelter Versuch blieb uns jetzt nur noch der Ticket-Schalter! So reihten wir uns also in eine der endlosen Schlangen ein, und beteten, dass wir genau die EINE Schlange erwischen würden, wo der Bahnbedienstete wenigstens rudimentäres Englisch verstehen
würde. Was nach den bisherigen Erfahrungen des heutigen Tages nicht besonders wahrscheinlich erschien...
Aber was soll ich sagen: Wir hatten Glück! Unser zaghaftes: "Nihao! Do you speak English?" wurde tatsächlich mit einem resignierten Nicken erwidert, und so waren wir in der Lage mit wenigen Worten vier Fahrkarten zu erstehen: Zwei für die morgige Hinfahrt um 11 Uhr, zwei für die Rückfahrt am Sonntag um 14 Uhr. Dass uns der Spaß fast unser gesamtes verbliebenes Bargeld kostete war und in diesem Moment des Triumphes egal: Wir hatten unsere Fahrkarten! Peking - wir kommen!
Leider waren wir nun blank, und so fuhren wir schnell wieder zurück nach Hause, um dort zu Murad zu essen, per Internet ein Hotel zu buchen und von Julia frisches Geld zu erschnorren. Ein passendes Hotel in der Innenstadt zu finden, war Dank booking.com auch kein Problem. Spannender war aber, ohne Google Maps die Adresse herauszubekommen. Wie hoffen, das Hotel nun auf dem Stadtplan lokalisiert zu haben. Es wird sich aber morgen herausstellen, ob die Adresse richtig ist...
Nun hatten wir also wieder Zeit und Geld, um den restlichen Nachmittag ordnungsgemäß touristisch ausklingen zu lassen. Und da Sulamith unbedingt noch den Garten Yu Yuan sehen wollte, den wir beim letzten Mal wetterbedingt ausfallen lassen mussten, ging es für einen zweiten Versuch Richtung Altstadt.
OK, ja, ich gebe es zu: Auch wenn ich gar keine Lust darauf hatte, hat sich der Garten doch sehr gelohnt. In der warmen Nachmittagssonne schlenderten wir entspannt durch die riesige Anlage, durch künstliche Höhlen, alte Pavillons, über romantische Holzbrücken, machen Fotos, wichen amerikanischen Touristen-Gruppen aus und genossen den Urlaub.
Und so verpassten wir fast den Anruf von Julia, die gerade für die Arbeit einkaufen war und sich mit uns treffen wollte. So verabredeten wir uns am bereits bekannten Teehaus (wo Sulamith natürlich noch ein paar Mitbringsel kaufen musste) und schlenderten dann heraus aus der Altstadt, hinein in einen riesigen chinesischen Straßenmarkt.
In engen Gassen drängten sich hunderte Händler, die alle erdenklichen und unerdenklichen Arten von Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch darboten. Es gab lebende Hühner, Schildkröten, Frösche zu kaufen, und schließlich kamen wir in den Bereich mit den Fress-Ständen, wo alle zuvor erwähnten Zutaten gleich in wohlriechende Gerichte verarbeitet wurden. Ich traute mich natürlich nicht etwas zu bestellen, aber Sulamith probierte ein paar in Brühe schwimmende Teigbällchen und einige Bratspieße mit Meeresfrüchten. Jeder Versuch das Gesamtpaket an Gerüchen, Geräuschen, Eindrücken in Worte zu fassen, ist zum Scheitern verurteilt, und daher kann ich nur sagen: Kommt her und schaut es Euch selbst an! Es ist ein Erlebnis!
Trotz des kleinen Snacks mussten wir noch etwas zu Abend essen, und so ließen wir den Abend gemütlich in der Coconut Lounge, einem stylischen Open-Air-Restaurant, ausklingen. Es gab rotes Thai Curry für mich, einen Papaya-Salat für Sulamith und ein Reisgericht mit Meeresfrüchten für Julia. Sehr lecker! Auch wenn es ab neun Uhr nur im T-Shirt etwas zu kühl wurde...
Da wir ja faule Touristen sind, gönnten wir uns für die Heimfahrt unser erstes Taxi, das uns für schlappe drei Euro in zwanzig Minuten nach Hause brachte.
Der Koffer für morgen ist nun gepackt, der Wecker gestellt, und morgen geht es auf nach Peking!

1 Kommentar:

  1. Tolle BIlder wieder Kai, vielen Dank! Ich wünsche euch eine gute Weiterreise zum nächsten Hotel und mehr englisch-versierte Bekanntschaften :)

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