Wenn man sich für eine Reise richtig vorbereitet, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Sollte man meinen. Und Sulamith und ich sind ja immer hervorragend vorbereitet, und daher für alle Eventualitäten gerüstet. Grobe Schnitzer passieren uns eigentlich nie. Also zum Beispiel, dass man am völlig falschen Bahnhof in seinen Zug steigen will, oder so. Nur so als Beispiel! Sowas würde uns doch sicherlich niemals...
Aber von Anfang an!
Der Wecker klingelte um halb acht, und putzmunter machten wir uns ans duschen, frühstücken, Sachen packen. Bis zur Abfahrt des Zuges um 11:00 blieb uns noch genug Zeit, aber wir wollten, als alte Hasen, kein Risiko eingehen, und machten uns also um Viertel vor neun auf den Weg zur Metro. Da dieser sich etwas zieht, brauchten wie mit unserem kleinen Rollkoffer knapp 25 Minuten, bis wir in der Hochbahn saßen. Um kurz vor halb zehn waren wir dann, wie geplant, am Bahnhof Shanghai Railway Station. Wie machten noch ein Foto von der heute gar nicht so überfüllten Schalterhalle, und wollten uns dann auf den Weg zu den Sicherheitskontrollen am Haupteingang machen.
Soweit, so gut. Sulamith kam auch problemlos am ersten Sicherheitsbeamten, der die Fahrkarten kontrollierte, vorbei. Somit sollte es bei mir ja auch kein Problem sein. Sollte man meinen! Das dachte ich auch: Bis der Sicherheitsbeamte seine Hand hoch hielt und laut "Whoha!" rief, mich ungläubig anschaute und "Hong Qiao!" sagte. Der Mann hinter mir in der Schlange stimmte zu: "Hong Qiao!" und fügte noch hilfreich hinzu: "Metro!", dabei hinter sich auf den Ausgang zeigend...
Mittlerweile kam Sulamith wieder dazu, und gemeinsam dämmerte Verständnis in unseren ungläubigen Hirnen: Wie waren am falschen Bahnhof! Es war viertel vor zehn (75 Minuten bis zur Abfahrt), und WIR WAREN AM GOTTVERDAMMT FALSCHEN BAHNHOF!
Dies war in meinen Augen ein echt ziemlich geeigneter Moment für offene und ungezügelte PANIK! Ich holte den dicken Reiseführer hervor, um herauszufinden, wo sich denn wohl dieser ominöse Bahnhof Hong Qiao befinden möge, und Sulamith rief nur "Auf zur Touristen-Info!" Dafür, dass man uns dort gestern überhaupt nicht helfen konnte, waren die Herrschaften dort heute ausnahmsweise hilfreich: Ich legte den Reiseführer beiseite, half Sulamith den Stadtplan auszupacken, und nahm ungläubig zur Kenntnis, dass der Bahnhof Hong Qiao offenbar direkt am Flughafen Hong Qiao lag, weit draußen westlich von Shanghai. Eine Strecke, die wir mir der Metro nie in rüber Stunde schaffen würden!
Also: Taxi! Vollgedröhnt mit Adrenalin packte ich den Rollkoffer, murmelte ein kurzes "Che-che" und stürmte raus. Vor uns: Der Busbahnhof. Kein Taxi in Sicht. Also schnell am Busbahnhof entlang Richtung Straße gestürmt. Sulamith hinterher, Julia am Handy verständigend. Julia meinte auch, dass ein Taxi unsere einzige Hoffnung wäre. Aber von denen war leider keines aufzufinden. Also weiter die Straße entlang. Da: Ein Taxi! Leider besetzt. Das nächste ebenso. Beim dritten hatten wir Glück: Wir sprangen hinein, Koffer auf dem Rücksitz, zeigten dem Fahrer die Fahrkarte, sagten "Hong Qiao", und ab ging die wilde Fahrt!
Unsere Stimmung war schon nicht die Beste. Das besserte sich auch nicht, als ich entdeckte, dass ich wohl in der Touristen-Info den dicken (geliehenen!) Reiseführer liegen gelassen hatte!
Die Fahrt zog sich endlos über Shanghais Stadt-Autobahnen. Zeitweise kamen wir gut voran, dann standen wir wieder im Stau. Die Uhr tickte. Zwischenzeitlich sah es ganz gut aus, so als könnten wir es tatsächlich noch schaffen. Doch dann kam die Flughafen-Ausfahrt, und damit eine Ampel mit unendlich langem Rückstau. Mehr als 15 Minuten standen wir an dieser blöden Ampel! Es war mittlerweile nach halb, keine Chance, dass wir das noch rechtzeitig schaffen würden.
Dann ging alles plötzlich ganz schnell: Der Flughafen-Bahnhof. Herausspringen, Fahrer bezahlen, mit Koffer zum Eingang rollen. Sicherheitskontrolle. Gottseidank keine Schlange. Die Bahnhofshalle. Riesengroß! Wo ist das Gleis? Vermutlich da vorne, wo die 800 Menschen in einer Schlange stehen. In die Schlange einreihen. Warten! Es geht voran - aber langsam. Man kommt nur mit Fahrkarte auf's Gleis. Geschafft - da ist der Zug! Welcher Waggon? Direkt der erste, Wagen 10. Moderner ICE. Koffer in die Kofferablage gehievt. Dann zum Platz, Reihe 13. Sitzen! Irre viel Beinfreiheit! Die Uhr zeigt 10:48.
Wir waren ein wenig zu früh!
Die Fahrt nach Peking war dann das genaue Gegenteil der bisherigen Tour: Fünf Stunden entspanntes sitzen, schlafen, lesen. Langsam runterkommen. Die Tatsache verarbeiten, dass wir es tatsächlich noch rechtzeitig geschafft haben.
Vor dem Fenster zog China vorbei. Endlose Felder, riesige Plattenbauten, kleine Hütten und Dörfer. Ganz schön trostlos. Viel einsamer, als ich es vermutet hätte. Der graue Himmel tat sein übriges. 1500 Kilometer China. Keine Kleinstädte - unter einer Million fangen die hier gar nicht erst an.
Und so kamen wir schließlich gegen vier Uhr in Beijing an. Nachdem wir schon gemerkt hatten, dass unser Hotel wohl nicht einfach zu finden sein würde, nahmen wir wieder ein Taxi. Kostet ja fast nichts! Wieder eine gute Entscheidung: Ohne Taxi hätten wir es nie gefunden!
Unser Hotel liegt mitten in einem Hutong, einem der alten Wohnviertel. In Shanghai wären die Hütten schon alle platt gemacht und durch einen Wolkenkratzer ersetzt worden. Zunächst wird einem etwas mulmig - aber es ist ein Wohnviertel, kein Ghetto. Der Hoteleingang war schwer zu finden. Aber drinnen standen wir dann in einem gemütlichen Innenhof, die Mitarbeiter sprachen englisch und sogar deutsch, und sind super freundlich. Das Zimmer ist klein, spärlich eingerichtet, etwas kalt, aber gemütlich. Es gibt keine Duschwanne - beim Duschen wird das komplette Badezimmer unter Wasser gesetzt. Skurril - aber irgendwie cool. Hogi würde vermutlich Ausschlag kriegen. Aber uns gefällt's!
Wir wollten noch das letzte Tageslicht ausnutzen, und machten und auf den Weg die Stadt zu erkunden. Wie wanderten zum Beihai-Park, und dann Richtung Verbotener Stadt. Wir sahen den Kohleberg und die weiße Pagode, und schließlich den prachtvollen Zugang zur Verbotenen Stadt. Allein dafür hat sich der ganze Stress gelohnt.
Ein vernünftiges Restaurant fanden wir nicht mehr, aber ein Dumpling-Laden an der Ecke versorgte uns noch mit ein paar Teigtaschen.
Und so endet unser erster Tag in Shanghai. Aufregender als gedacht, aber wenigstens nicht langweilig. Mal sehen, welche Abenteuer uns morgen erwarten. Nächster Programmpunkt morgen früh: Fahrt zur Chinesischen Mauer. Abfahrt: 6:30 Uhr!
Gute Nacht!
Freitag, 3. April 2015
Tag 7: Beijing!
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)




Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen